Das virtuelle Klassenzimmer - bald Realität?


Die Technik
Playstation VR, Oculus Rift, HTC Vive — was für ältere Lehrkräfte wie neue Boybands klingen mag, ist für die jüngere Generation nicht weniger als die Revolution des Spielens. Das deutsche Sportfernsehen hat einmal versprochen, dass man mittendrin statt nur dabei wäre. Eine Lüge damals, aber jetzt wird geliefert. Im Gaming-Sektor. Das System kann simpel zusammengefasst werden: Bei fast allen gängigen Modellen setzt man eine Brille auf, öffnet die Augen und befindet sich in einer neuen Welt. Bei Samsung Gear VR reicht es sogar, sein Smartphone in eine Vorrichtung zu klemmen, bevor man den Sprung in die Virtualität wagen kann. Zwischen den einzelnen Varianten gibt es zwar konzeptionelle Unterschiede — sei es die Verwendung der Eistüten bei PS oder dem auf einen Radius begrenzten freien Gang bei der Vive — aber bewusst laienhaft ausgedrückt, schaut man durch zwei Linsen und erblickt die Zukunft. Spannend!

Die Möglichkeiten
Doch wie kann man diese Systeme in der Schule nutzen? Noch dazu im Klassenzimmer — einem Ort, in dem man sich meistens modernen Einflüssen wie dem Internet verweigert, Smartphones mehr als störenden Gegenstand denn als Hilfsmittel wahrnimmt, dessen Benutzung unter Strafe steht und man in vielen Schulen noch mit den alten grünen Tafeln arbeitet, an denen schon Albert Einstein stehen musste. Der gute Mann ist vor mehr 60 Jahren gestorben — nur so zum Vergleich. Sind wir doch einmal ehrlich: Schulen sind Orte, die mit dem modernen Leben außerhalb der Bildungsmauern wenig zu tun haben. Warum das der Fall ist, werden wir später noch beleuchten. Für den Moment reicht aber das Wissen, dass Schulen nur selten mit dem technischen Fortschritt gehen. 

Dabei sind die Möglichkeiten so vielfältig, dass heutigen Schülern das Wasser im Mund zusammenlaufen müsste: Man stelle sich einen Geschichtsunterricht vor, in dem man nicht nur etwas über die französische Revolution mittels wenig interessanter Ölgemälde erfährt, sondern aktiv den Sturm der Bastille erleben kann. Live, mittendrin. Man könnte den Kunstunterricht gänzlich neu gestalten, weil man nicht mehr auf die Grenzen des Blattes oder einer plastischen Farbauswahl angewiesen ist! Es gäbe unzählige Wege, sich mit einem Pinsel oder Formen auszutoben. Oder man spricht über Goethes „Faust“ und kann bei Verständnisproblemen mit einer einzelnen Bewegung in ein Theaterstück springen, in dem die Szenen schülerfreundlich dargeboten werden. Im Bereich der Biologie könnte man die Zellteilung nicht nur von Bildern und Videos aus den 60er-Jahren lernen, sondern sich aktiv auf eine Reise in den Körper machen. Schülerinnen und Schüler würden ein ganz neues Verständnis für ihre Welt und die Unterrichtsinhalte bekommen.

Auch Google arbeitet mit "Tilt Brush" bereits an möglichen Funktionen in der virtuellen Realität. Ein Einsatz im Unterricht wäre durchaus denkbar.

Diese Beispiele kratzen gerade einmal an der samtweichen Oberfläche von Virtualität im Klassenzimmer und schon wird eines offensichtlich: Der Lehrstoff würde sich dank dieser technischen Errungenschaft von einem schwarz-weiß-Produkt, das teilweise mit Bildern angereichert wird, zu einem echten und visuell beeindruckenden Erlebnis transformieren. Das wiederum könnte einen positiven Effekt auf die unterschiedlichen Lerntypen haben, da sie sowohl visuell, akustisch, motorisch als auch kommunikativ stimuliert werden. Es wäre also ein Rundumpaket, das den staubigen Lernstoff mehr Esprit und Aufregung verleihen könnte. Das würde sich positiv auf die Motivation der Schülerinnen und Schüler ausweiten, die dadurch mehr Lernerfolg hätten. Eine Win-Win-Situation für Lehrer, Schüler, Schule, Eltern und die Gesellschaft, oder?

Die Voraussetzungen
Der chinesische Gelehrte Laotse sagte einmal, dass selbst der längste Marsch mit dem ersten Schritt beginnt. Auch wenn er sicher nicht den Weg in die virtuelle Welt gemeint hat, so ist seine Weisheit durchaus von Nutzen: Der Weg zum virtuellen Klassenzimmer wird unter Umständen beschwerlich sein, aber es können Grundlagen geschaffen werden, damit die jungen Geister Lernstoff auf völlig neue Wege kennenlernen dürfen. Diese Voraussetzungen lassen sich grob in zwei Bereiche gliedern: Technik & Kompetenz.

Schulen sind zumeist eher Nachzügler, was den technischen Fortschritt betrifft und verweigern sich der Moderne bis sie unausweichlich ist — zumindest sind wir diese institutionelle Trägheit in unserem Land gewohnt. Hat man diese Hürde aber erst einmal genommen und bislang verschlossene Geister öffnen sich den neuen Möglichkeiten, müssen sich Direktoren und Ministerien lediglich darauf einigen, welches der vielen Systeme sie in den Unterricht integrieren wollen: Entscheiden sie sich für Geräte mit Peripherie-Elementen wie den Eistüten der Playstation VR, um etwa im Kunstunterricht zeichnen oder im Geschichtsunterricht selbst Schlachten schlagen zu können, so ist von Nöten, dass Schulen einen Computerraum so gestalten, dass dort zum einen leistungsfähigere Maschinen stehen und zum anderen mehr Platz zwischen den einzelnen Computern besteht, damit sich Schüler mit ihren Armen frei bewegen können. Hat man besonders viel Raum zur Verfügung, könnte man mittels Vorhängen sogar einen 5x5m großen Quader erschaffen, in dem man sich Dank der HTC Vive auch frei innerhalb dieser Grenzen bewegen könnte. Das Erlebnis wäre dadurch noch ergreifender! Allerdings müssten die Schülerinnen und Schüler Schlange stehen oder man wäre gezwungen, mehr als einen Quader zu errichten, um mehrere Personen zur selben Zeit in die virtuelle Welt abtauchen zu lassen. Ob sich beide Systeme, die zweifellos aufwendig und kompliziert sind, bei übervorsichtigen Beamten durchzusetzen können?

Als einfachere Alternative hierzu bietet sich die Samsung Gear VR an, die ohne Bedienungseinheiten daherkommt und ebenfalls ohne eine Verbindung zu einem PC funktioniert. Man legt schlichtweg eines der bisher vier kompatiblen Samsung-Smartphones in die dafür vorgesehene Vorrichtung und die zwei Linsen der Brille erzeugen dann den Eindruck, man würde nicht auf sein Handybildschirm, sondern in eine neue Welt blicken. Dieses System wird für viele Schulen attraktiv sein, da es den Vorteil hat, dass man die Brillen während des Unterrichts im normalen Klassenzimmer verteilen kann und die Erfahrung dann einer Art Museumstour erinnern würde, in der die Schülerinnen und Schüler auf Schienen durch vorgefertigte Szenarien geführt werden und so den Lernstoff aufnehmen können. Voraussetzung dafür ist, dass man hat sich vorher auf das Entwickeln von passenden Apps verständigt hat.

Letztendlich wird man zu diesem Zeitpunkt keine Auskunft darüber geben können, für welche Variante sich die Ministerien und Schulen entscheiden und damit die Grundlage für ein virtuelles Klassenzimmer legen werden. Eines ist jedoch klar: Nur die Technik allein reicht nicht aus. Es muss auch jemanden geben, der sie bedienen kann. Wenn man die Frage stellen würde, warum Schulen technisch oft so veraltet sind, dann wird man zwangsläufig, an einer bestimmten Stelle dieser Antwort, beim Lehrpersonal landen: Speziell ältere Generationen der Lehrer haben häufig eine Aversion gegen moderne Elemente. Wie oft fiel nicht schon der Satz, dass man nur Kreide und eine Tafel bräuchte, wie oft wurden technische Hilfsmittel bereits als neumodischer Schnickschnack abgetan? Lehrer neigen dazu, sich in einer gewissen Wohlfühlzone aufzuhalten und verlassen diesen Kokon immer seltener, je älter sie werden. Diese Fortschrittsmüdigkeit müsste für das virtuelle Klassenzimmer aufgebrochen und in eine echte Kompetenz verwandelt werden. Lehrer müssten vom Ministerium hilfreiche Lernkurse bekommen, in denen sie die technischen Grundvorraussetzungen zur Beherrschung der VR-Brillen ohne jeden Druck lernen könnten. Dazu gehören grundlegende Dinge wie die Bedienung eines Computers aber auch das Wissen, wie man Programme herunterlädt, sie betriebsbereit macht und wie man welches Problem beim Umgang mit diesen Virtualität-erzeugenden Geräten beseitigen kann. Lehrer müssen an einen Punkt gebracht werden, an dem sie selbstbewusst vor eine Klasse mit 25 bis 30 Schülerinnen und Schülern treten können, ohne dass sie in Angstschweiß ausbrechen, dass etwas schief laufen könnte. Die Brillen zu kaufen und sie an Strom anzuschließen, ist ein Leichtes im Vergleich zur nicht zu unterschätzenden Aufgabe, Lehrern, die möglicherweise sonst eher im Steinzeitalter der Technologisierung lebten, an dieses neue Produkt heranzuführen und ihnen genug Zeit zu geben, sich zu akklimatisieren, um selbst Gefallen daran zu gewinnen. Dies ist bei weitem kein unmöglicher Schritt, aber ein holpriger, den man nur mit genügend Hingabe und Verständnis meistern kann. 

Die Probleme
Die Einführung von VR-Konzepten in unsere Bildungseinrichtungen erinnert in gewisser Weise an einen Hürdenlauf: Die Möglichkeiten zum Erfolg sind da, durch innere Einstellung und technische Vorbereitungen können auch ideale Voraussetzungen geschaffen werden, aber letztendlich warten da noch Hürden auf den Läufer, die man erst einmal überspringen muss, um Erfolg zu haben. Die Hürden, die Freunden der virtuellen Realität ein Bein stellen können, sind leider mannigfaltig bei einer so neuen, aufregenden und doch fremden Technik:

Zu allererst müssen sich Schulen und Ministerien darüber einigen, welche der unterschiedlichen Grundkonzepte sie bevorzugen und in den Schulalltag implementieren wollen. Hierfür müssen Vorraussetzungen geschaffen werden, aber die wirkliche Frage ist: wer zahlt für das Reiseticket in die neuen Welten? Die Brillen von Samsung sind zwar preisgünstig, da sie momentan für unter 100 Euro zu erhalten sind, aber sie funktionieren nur mit den vier neusten Smartphones des koreanischen Giganten, die den Gesamtpreis rasant schnell auf 700-800 € ansteigen lassen können. Das auf eine nur eine gesamte Klasse von 30 SuS gerechnet sind horrende Kosten, die auf Schulen zukämen, ganz zu schweigen davon, ganze Klassenstufen ausrüsten zu wollen. Natürlich besitzen einige Schülerinnen und Schüler bereits kompatible Handys, die sie benutzen könnten, aber das wird sicherlich nicht die Mehrheit sein. Dem gegenüber steht die HTC Vive, die mit rund 900€ zwar teurer ist, die man aber nicht pro Schüler ausgeben müsste. Man kauft eine Vive und schleust die Schüler nach und nach durch. Fügt man hier noch den Preis für den Bau der 5x5m-Bereiche hinzu und die Anschaffung leistungsfähiger Computer, würde man zwar weniger Ausgaben haben, als für viele Schüler Brillen & Handys zu kaufen, aber Schulen würden dennoch mehrere Tausend Euro für die virtuelle Welt bereitstellen müssen. 

Die Rechenbeispiele könnte man auch für die anderen VR-Varianten durchführen, aber letztendlich wurde bereits das Hauptproblem deutlich: hohe Kosten, die jemand übernehmen muss. Nur wer soll das sein? Die Eltern? Hierfür müsste man erst einmal Überzeugungsarbeit leisten, dass die neue Technik wirklich von Nöten ist und SuS in neue Lernsphären bringen kann. Ein schwieriges Unterfangen, insbesondere sobald, wie bei der Samsung-Brille, der Preis von mehreren hundert Euro pro Schüler aufgerufen wird. Selbst bei Konzepten wie der HTC Vive stellt sich die Frage, ob Schüler während ihrer Schulzeit genug in diesen kleinen Quadern verbringen können, um die Anschaffungskosten zu rechtfertigen. Eine Antwort würde nur ein Experiment an einigen Schulen geben, in denen der Lernerfolg in Verbindung mit den neuen technischen Möglichkeiten gebracht wird. Dieser Lernerfolg wiederum ist eng an die Schulung der Lehrer gekoppelt, die dem neuen “Firlefanz“ sicher zum Teil von Anfang an skeptisch gegenüber stehen werden und die es ebenfalls ins Boot zu holen gilt. 

Aber das ist nicht die einzige Hürde, die den VR-Lauf ins Straucheln bringen kann: Auch das Thema der Versicherungen könnte zum Stolperstein werden. Man stelle sich einmal dreißig Kinder in einem Raum vor, alle tragen ihre Brillen und fuchteln wild mit ihren Armen umher, während sie in der virtuellen Realität Erfolge feiern und sich weiterbilden. Da scheint es nicht unmöglich, dass sich Kinder in die Quere kommen, sie aus Versehen Kabel herausziehen und die technischen Geräte auf eine Harte Probe stellen, die sicher nicht jedes überleben wird. Man kann die wütenden Eltern, die nun für eine Neuanschaffung zur Kasse gebeten werden, praktisch schon auf dem Flur stampfen hören. Hier müssten also eventuell erweiterte Policen verhandelt werden, was ebenfalls zu höheren Kosten führen kann. Erneut das große Problem des Geldes. 

Allerdings gibt es Licht am Ende dieses von Problemen ganz gräulich gewordenen Tunnels: alle diese Hindernisse, die sich zweifellos in den Weg des virtuellen Klassenzimmers stellen werden, gab es schon früher. Sei es bei der Einführung der Computerräume, dem Kauf von Beamern für Klassenräume oder auch die Anschaffung von Overhead-Projektoren und Whiteboards. Alle diese Geräte sind inzwischen Teil vieler Schulen, auch wenn viele Grabenkämpfe geführt werden mussten. Ein mindestens ebenso schwer, wenn nicht gar steinigerer Weg stünde den VR-Brillen bevor. Doch lohnt sich das Engagement überhaupt?

Die Hoffnung
Steve Jobs würde die virtuelle Realität sicher als das nächste große Ding bezeichnen, wenn er noch unter uns wäre. Man setzt sich eine Brille auf die Nase und taucht in eine vollkommen neue Welt ein, die grenzenlos ist. Man kann in die entlegensten Orte der Erde reisen, ohne auch nur einen Schritt zu wagen, man kann mittels Simulationen evolutionäre Prozesse auf den Grund gehen oder physikalische Berechnungen eigenständig ausprobieren. Was auf den ersten Blick wie ein Spielplatz wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Brutstätte kreativer Ideen, die Schülerinnen und Schüler auf ganz neue Weise aus der Trägheit des alltäglichen Unterrichts herausreißt und langweilige Unterrichtsthemen in spannende Abenteuer verwandeln lässt. Wenn sich Schulen erst einmal dazu durchgerungen haben, diesen Schritt zu gehen und Schülern damit intensivste Lernerfahrungen zu ermöglichen, werden auch Entwickler an Bord kommen, die speziell auf den Unterricht zugeschnittene Lerninhalte für die virtuelle Realität bereitstellen. Natürlich sind bis dahin noch einige Berge zu erklimmen, sowohl technische, finanzielle, soziale als auch innere. Aber der Fortschritt ist unaufhaltbar. Die Brillen werden mit kommenden Versionen immer erschwinglicher werden, sodass wir bald in jedem Haushalt eine haben könnten und auch die Akzeptanz wird weiter wachsen, je mehr man dieser neuen Technologie den Menschen zum Ausprobieren gibt. So und nur so kann man auch Eltern überzeugen, dass das virtuelle Klassenzimmer eine wünschenswerte Zukunftsvision ist. Nur so können wir Schülerinnen und Schülern ein Lernerlebnis ermöglichen, das sie so nie wieder vergessen werden. Schule würde entstaubt und auf einmal ein aufregender Ort.
Das kann und muss unser Ziel sein!
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Sven Hensel ist auf Twitter anzutreffen und schreibt auf seiner eigenen Homepage.

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Titelbild: Andri Koolme Flickr (bearbeitet) - CC BY 2.0