Der weibliche Gamer – das unbekannte Wesen

Disclaimer: Achtung, folgender Text trieft vor üblen Klischees, platten Witzen und drallen Vorbauten.

Samstag. 13 Uhr. Wir befinden uns in einer Großstadt. Genauer gesagt in einem Einkaufszentrum in jener Großstadt. Vor Stunden haben wir unser Lager in der Nähe einer der Jagdreviere der Gamer aufgeschlagen, einem Geschäft für Soft- und Hardware.
Bisher liessen sich nur einige Jungtiere und vereinzelte Männchen blicken, die scheu um die Regale tigerten und die ein oder andere Beute rissen. Doch selbst mit neuem Material um die Konsole zu füttern in der Hand, kommen sie nicht umher ihren Blick schweifen zu lassen. Immer in der Hoffnung, eines der raren Weibchen zu erblicken.

Der Gamer ist ein seltsames, aber possierliches Tierchen. Aufgezogen in dunklen Höhlen, die zumeist unter der Erdoberfläche liegen (Kenner nennen sie auch „Keller“), erblicken sie zumeist erst spät das Tageslicht, wenn die Schule überstanden ist und die Suche nach einer Einnahmequelle unausweichlich scheint.

Aus bisher ungeklärten Gründen zeigt sich schon beim Nachwuchs, dass es an weiblichen Exemplaren dieser Gattung mangelt. Viele Männchen sehen sich daher genötigt, sich mit Weibchen anderer Arten zu paaren. Oftmals führt dies jedoch bei den artfremden Weibchen zum Ausbruch der Nörgelitis, einer schrecklichen Krankheit hervorgerufen durch Unzufrieden mit der Zock-Frequenz des eigenes Männchens.

Umso begehrter sind die Gamer-Gemahlinnen und Daddel-Damen, die eine friedliche Koexistenz in der heimischen Höhle begünstigen. Nach all diesen Alliterationen begeben wir uns zurück zu unseren Beobachtungen. Das Klacken von Absätzen auf klassischem Einkaufszentrum-Fliesenboden verrät die Ankunft des Weibchens schon Sekunden, bevor sie das Geschäft betritt.

Vor unseren Augen beginnt das Paarungsritual der Gamer, bei dem sich dutzende Männchen um ein Weibchen scharren. Wir hören Brunft-Schreie wie „PC Masterrace!“ und „Also ich bin ja in der Meister-Liga bei Star Craft II“.

Doch das Fräulein scheint sich nicht um die Paarung kümmern zu wollen, sondern bewegt sich zielstrebig auf die Titel der von ihr bevorzugten Plattform zu. Ihr Fokus liegt hier klar auf der Beutejagd, was die anwesenden Spieler-Burschen zu verunsichern scheint. Aus der Distanz beobachten sie, wie sich DD-Körbchen an AAA-Games vorbeischieben.

Ein Einzelner wagt es, sich aus der Herde zu lösen. Wacklig wie ein junges Rehkitz und mit ähnlich stark behaarten Beinen nähert er sich der potentiellen neuen Gespielin und bringt ein „Na, kaufst du was für deinen Freund?“ hervor. Ein genialer Ausspruch, so denkt zumindest unser beobachtetes Exemplar und hofft auf eine ebenso geniale Antwort. Dem Weibchen jedoch kann dies nur ein müdes Lächeln zu entlocken und mit einem „Nein, das ist für mich“, unterbricht sie den Balz-Tanz und begibt sich mit Beute im Arm und wippendem Gang zur Kasse. 

Wir betrachten neugierig den Zahlungsvorgang und entdecken, dass es sich hier um eine erfolgreiche Jägerin handelt. Die Platin-Mitgliederkarte ist schnell gezückt und selbst der Kassierer scheint erstaunt. Ein Raunen geht durch die Herde der Männchen, doch als sich eines der selbsternannten Alphatiere zum Flirt-Versuch wagen will, wird er mutig von unserem Kitz aufgehalten. „Die ist nichts für uns“, murmelt er leise und zieht sich wieder in die Dunkelheit der engen Regale zurück.

Mit einem Lächeln verabschiedet sich unser Weibchen und verlässt das Revier. Ihre Jagd brachte Beute, die Männchen jedoch gingen leer aus. Zurück bleibt eine enttäuschte Herde, durch die der gleiche Gedanke geht: Vielleicht klappt es ja morgen mit den Frauen. Vielleicht.